Fotogalerie: Promitalk 2026 - «News statt Noise: Wie muss Journalismus für Junge aussehen?»
News statt Noise – Wie erreicht Journalismus die junge Generation?
Wie muss Journalismus aussehen, dass er auch für Junge zugänglich ist? Diese Leitfrage stand im Zentrum des diesjährigen Promitalks der RFZ. Unter der Moderation von Alena Birrer diskutierten Leila Alder (akut Mag), Simona Boscardin («ON FIRE»), Livio Carlin (SRF Impact) und Flavio Stucki (Content Creator, ehemals SRF Virus) über Mediennutzung, Algorithmen und Zukunftsperspektiven.
Zwischen Kurzformat und Tiefgang
Die oft kolportierte Meinung, junge Menschen interessierten sich nicht mehr für News, sondern nur noch für Social Media, ist zu undifferenziert, war sich die Runde einig. Simona Boscardin verwies auf Studien, wonach sich junge Menschen durchaus informieren – jedoch selektiv und stark interessengeleitet. Livio Carlin bestätigte: Wer viel Zeit auf Social Media verbringe, verliere nicht automatisch das Interesse an journalistischen Inhalten. Allerdings prägen Algorithmen durchaus unsere Wahrnehmung, was Risiken birgt. Leila Alder schilderte, wie ihr nach einer Recherche über Tauben plötzlich zahllose Tauben-Videos angezeigt wurden – ein Beispiel dafür, wie schnell sich digitale Realitäten verengen können.
In der Diskussion mit dem generationenübergreifend besetzten Publikum zeigte sich weiter: Jede Generation nutzt Medien in ihrem eigenen Tempo und in unterschiedlichen Formaten. Im Alltag Junger dominieren kurze, schnell geschnittene Formate, die für deren Eltern und Grosseltern kaum erträglich seien. Das Suchtpotenzial, das diese Kurzvideos mit sich bringen, erlebe Flavio Stucki an sich selbst: Wer ausschliesslich kurze Clips konsumiere, riskiere langfristig Konzentrations- und Kommunikationsprobleme. Der Weg zurück zu längeren Formaten sei möglich, verlange aber Disziplin.
Man erreiche Junge aber nicht nur in Form von Kurzvideos. Die SRF Impact-Redaktion habe erhoben, dass junge Menschen durchaus bereit seien, längere Hintergrundformate zu konsumieren – sofern ein persönlicher Zugang bestehe, führte Livio Carlin aus. Wichtig sei ihnen, sich mit den Reporterinnen und Reportern identifizieren zu können. Er sei für sein Publikum als Person greifbar, wenn er ein Interview mit einem Drogendealer führe oder in einen Boxring steige, um die Gefühle, die er dort empfinde, seinem Publikum weiterzugeben. Simona Boscardin ergänzte, ein junges Publikum müsse schrittweise an vertiefte Inhalte herangeführt werden.
Angesichts des Gaps in der Mediennutzung zwischen den Generationen komme der Schule eine wichtige Rolle zu. Medienkompetenz müsse früh beginnen. Livio Carlin würde jederzeit in eine Schulklasse gehen, um journalistische Arbeit vorzustellen: «Falls hier Lehrerinnen oder Lehrer anwesend sind, können sie dies als mein Angebot verstehen.»
Wie viel Plattformlogik verträgt Journalismus?
Diskutiert wurde auch die Frage, wie stark sich journalistische Inhalte an Plattformlogiken anpassen sollen. Für den Content Creator Flavio Stucki ist es eine bewusste Entscheidung, wie sehr man sich «verbiegt», um mehr Reichweite zu erzielen. Seine humoristischen Videos nehme er selbst nicht als klassischen Journalismus wahr, hier könne er sich frei mit der Realität auseinandersetzen. Politische Stellungnahmen vermeide er daher weitgehend.
Livio Carlin stellt fest, dass je nach Plattform unterschiedliche Inhalte funktionieren – YouTube, Instagram oder TikTok verlangten eigene Dramaturgien. Für Simona Boscardin besteht die Herausforderung von Social Media darin, das Publikum stets wieder von Neuem abzuholen, will man nicht plötzlich verschwinden. Authentizität sei dabei entscheidend. Mundart, Persönlichkeit, Augenhöhe – nur wer als Mensch sichtbar bleibe, könne sich im digitalen Strom behaupten. Zudem sei Transparenz von zentraler Bedeutung, betonte Boscardin weiter, auch bezüglich der Finanzierung. «ON FIRE» sei per Crowdfunding finanziert worden. 50'000 Franken wurden generiert, ohne fertiges Produkt vorlegen zu können, allein für eine Idee und journalistische Werte. Gerade junge Menschen müssten oft erst verstehen, was Journalismus leiste und warum er finanziert werden müsse. Dann aber seien viele bereit, einen Beitrag zu leisten.
Dass Journalismus für Junge nicht immer digital sein muss, zeigt Leila Alder. Sie berichtet, dass das erste gedruckte akut Mag innert eines Monats ausverkauft war – trotz digitaler Dominanz. Langfristig glaube sie nicht an den Druck tagesaktueller News, hingegen werde Hintergrundjournalismus mit langfristiger Relevanz weiterhin auf Printprodukten genutzt, ist sie überzeugt.
«Die Stimme in deinem Ohr»
Die Diskussion pausierte zwischendurch für einen Gastbeitrag der amtierenden Schweizer Meisterin im Poetry Slam, Annika Biedermann, die diesen als «TikTok der Literatur» bezeichnete. Als «Stimme in deinem Ohr» erzählte sie viersprachig vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, von Gewalt an der kognitiven Grenze, von der Macht der Sprache: «Ist ein Wort einmal gefallen, ist es meist schon zu spät.»
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